Lyrik

      Liebe Forumsbesucher/innen,

      wollte mal Folgendes, vielleicht nicht alltägliches zur Diskussion stellen: ist Lyrik noch zeitgemäß?

      Ich habe einen Gedichtband, den ich 2001 schon einmal veröffentlicht habe, überarbeitet und hier bei Xinxii eingestellt - und optimistisch, wie ich bin - nach amazon distributieren lassen:

      xinxii.com/traumgesichte-p-350173.html

      amazon.de/Traumgesichte-Verdic…z+Rochholl,+Traumgesichte

      Wäre an Rückmeldungen sehr interessiert - zumal von solchen unter euch, die sich - ob professionell oder nicht - auch schon mit dem Träumen beschäftigt haben.

      Herzliche Grüße
      Heinz
      Hallo Heinz,

      Lyrik ist nie zeitgemäß, denn Poesie als reine Sprache des Herzens ist immer zeitlos :).
      Aber wer kauft Gedichte eines unbekannten Autors habe ich mich bei meinen Veröffentlichungen auch gefragt, bin da aber eher zu einem pessimistischen Schluss gekommen. Lyrik steht aktuell wohl nicht hoch im Kurs, aber das sollte niemanden davon abhalten seine Kunst zu leben und auch teilen zu wollen.

      Es gibt einen schönen Essay von Alexander Nitzberger darüber was ein Gedicht ist und was ein Gedicht will:
      poetenladen.de/alexander-nitzberg-essay1.htm

      In diesem Sinne, würde ich immer jeden ermutigen (unabhängig von Verkaufszahlen) zu schreiben und auch zu veröffentlichen.
      Marketing sollte sich dann wohl eher auf die Bekanntheitserweiterung des Dichters stützen, statt auf den Titel.
      Na, ich beobachte das mal.
      Apropos 'zeitlos' - gibt's das wirklich? Jeder Dichter lebt in seiner Zeit und wird durch sie geprägt. Auch die Klassiker sind in dem Sinne nicht zeitlos. Alles hat seine Zeit...
      Und es gab wohl Zeiten, die lyrischer waren als die unsrige...
      Schönen Gruß
      Heinz
      Ich meine "zeitlos" im Sinne: es wurde schon immer gedichtet und es wird immer gedichtet werden.
      In erster Linie entsteht ja ein lyrisches Gebilde, weil es der Dichter mitteilen möchte und zwar ganz unabhängig von irgendeinem Zielpublikum.
      Natürlich ist der Dichter nicht von seiner Zeit losgelöst, die immer Einfluss hat. ;)
      Ich denke, dass man mit zeitlos etwas Anderes meint. Wenn ein Gedicht vor 100 Jahren geschrieben wurde und die Menschen noch heute emotionell anspricht, ist das Gedicht zeitlos. Dasselbe kann fuer Autos oder Moebel, Designs und Muster, Lieder und Gesaenge gelten. Mir fallen partout etliche ein!

      Persoenlich halte ich die Epen von Homer fuer zeitlos. Er hat die Massen vor rund 2800 Jahren angezogen und hat heute noch dieselbe Wirkung auf uns Menschen. Uebrigens, ich liebe die Uebersetzung von Johann Heinrich Voss und mag die blumige Sprache sehr. Auch wenn gerade diese Uebersetzung nicht ganz unumstritten ist.

      Viele Gruesse,
      Daniel
      Ich kann Lyrik nichts abgewinnen. Das liegt aber an mir und muss nicht verallgemeinert werden. Nur: heutzutage hat es ein bisschen den Ruch von frustrierter Hausfrau auf dem Selbstverwirklichungstrip an sich; davon muss man sich irgendwie abgrenzen.
      Hallo Romanike,

      ich teile deine Meinung bezueglich Lyrik ganz und gar nicht! Natuerlich ist es jedem selbst ueberlassen, was er ueber Lyrik denkt und mit ihr umgeht. Und auch ich habe oft Probleme ein Gedicht zu analysieren oder den tiefen Kern zu erfassen. Dennoch hat die Lyrik als schwierigste und hoechste Gattung der Literatur ganz klar seine Daseinsberechtigung! Um so mehr in einer Zeit wie der heutigen, in der die Moral in ein tiefes Loch faellt und der mainstream und political correctness von den Medien kuenstlich vorgegeben wird, anstatt von den Menschen durch Meinung gemacht zu werden.

      Denn Lyrik kann sehr belehrend sein und hat den Menschen in der Vergangenheit oft den Spiegel der Zeit vorgehalten und auf Fehlern aufmerksam gemacht - aehnlich der Kurzgeschichte im Bereich der Prosa. Vielleicht sollten wir Menschen eher in solche Zeiten vorpreschen, als sich in die "Moderne" zurueckentwickeln. Denn das, was wir heute politisch und kulturell haben, hatten wir in den vergangenen Jahrhunderten schon mehrfach und immer ist es in die beruehmte Hose gegangen!

      Daher ist eine Abgrenzung, z. B. von der "Hausfrau auf dem Selbstverwirklichungstrip", wie du sie gerne moechtest, nicht mehr moeglich, weil - politisch oder medial gewollt - die Menschen gleicher gemacht werden als gleich. Zumindest in der Denkweise dieser Menschen! Denn Randgruppen - ca. 5% der Bundesbuerger - bestimmen heute das politische und mediale Geschehen in diesem Lande. Vor diesem Hintergrund denke ich, hat uns die Lyrik noch eine ganze Menge zu erzaehlen. Wir sollten ihr viel mehr zuhoeren, was sie uns noch sagen kann!

      Allerdings koennten auch die heutigen Dichter gut daran tun, die Lyrik ein wenig aufzupeppen, so dass der Leser einen einfacheren Zugang zu ihr bekommt.

      In diesem Sinne,

      Viele Gruesse,
      Daniel
      Na klar ist Lyrik zeitgemäß. Lyrik wird es immer geben, aber sie wird sich wandeln. Es wird mit ihr gespielt. Aber für die Masse ist das wohl eher nichts, sondern für denjenigen, der das Spiel mit dem Wort mag und der sich in Ruhe mit Sprache beschäftigen mag. Da muss man sich nur mal umschauen, welche interessanten jungen und alten Autoren und Autorinnen es gibt, die mit neuen Formen, Bildern und Sprache experimentieren. Natürlich ist es Geschmacksache,
      ob man das gut, gelungen oder weniger findet. Aber es gibt sie die innovativen Autoren, die Lyrikbände veröffentlichen. Ein schönes Beispiel ist die Seite Fixpoetry: fixpoetry.com/feuilleton oder hier: fixpoetry.com/autoren
      Auf dem Open Mike in Berlin sieht man auch immer wieder wie viele junge Autoren es gibt, die spannend mit Sprache umgehen können - mal mehr mal weniger gelungen. Das kann jeder selbst beurteilen: literaturwerkstatt.org/de/open-mike/h/
      Die Frage ist doch eher - wie kann man Lyrik auch zu den E-Book-Lesern bringen, die spannende Texte verschlingen möchten? Wer ist der Käufer von E-Book-Lyrik? Da müsste das Bewusstsein für E-Book-Lyrik gestärkt werden.
      Hier ist ja einiges los, seit ich das letzte Mal hier war. Ich bin übrigens bekennde Lyrik-Leserin und oute mich sozusagen gern einmal. Ich schwelge gern in meinen abgegriffenen Heine- und Rilke-Bänden, aber geh auch mal gern auf eine Lesung von einem jungen Autor. Nur manchmal ist es schwer, überhaupt von den jungen Stimmen Kenntnis zu erlangen. Wer früher Lyrik schrieb, hatte Glück, wenn er einen Verlag gefunden hatte. Da brauch man einen langen Atem.
      Aber durch die neuen Veröffentlichungsmöglichkeiten wie bei XinXii, sind die Voraussetzungen anders, man kann veröffentlichen. Es ist nur schwierig, ein Publikum dafür zu begeistern.
      Ich selbst traue mich ja auch jetzt erst daran, meinen Liebesroman zu veröffentlichen. Das ist nicht so einfach. Da haben es wohl die jungen Lyriker noch schwerer als "wir" Liebesromanschreiber/innen.
      hallo zusammen, selbstverständlich ist lyrik noch zeitgemäß - WENN sie selbst zeitgemäß geschrieben wird. schlechtes recycling ausgelutschter sprachbilder, die vor hundert jahren innovativ und gut waren, geht eben nicht mehr. bei lyrik - da sie kondensierter ist - fällt das sehr viel mehr auf, wobei ja auch entsetzlich viel schlechte prosa geschrieben wird.

      ich selbst arbeite seit mittlerweile jahrzehnten an dem, was man kurzprosa/prosagedicht nennt. obwohl dies eine literarische form ist, die es auch schon sehr, sehr lange gibt (und die einige der größten autor/innen verwendet Haben), ist sie trotzdem in sicH recHt zeitlos, da sie z.b. nicht zwingend auf reime und reimschemata setzt, sondern eher "lyrisch verdichtete prosa" ist.

      diese texte sind teilweise sehr kurz, und deshalb muss ALLES - aber auch wirklich alles - stimmen. bei so wenig wortmasse kann man mangelnde präzision im sprachlichen ausdruck oder mangelnde vision als autor einfach nicht mehr verstecken...
      "Zeitlos" ist ein tolles Stichwort, das ich jetzt mal bewußt falsch verstehe:
      Niemand hat wirklich noch Zeit. Zum Lesen und abtauchen braucht man jedoch etwas "Zeit" über den reinen Broterwerb und die Alltagsbürokratie hinaus.
      In diesem Sinne ist "zeitlose" Literatur etwas, für das wohl in unserer Zeit, vielen die Zeit fehlt! Man könnte es altmodisch auch "Muße" nennen..
      Auch schön: In einer Radiosendung zum Thema "Indiebücher" kam der bezeichnende, wenn auch überzeichnete Ausspruch eines Literaturagenten:
      "Jeder schreibt und keiner liest. Das ist unser Problem heute"
      Hallo Marcel,

      Ich stimme sehr mit ihre Meinung.

      In diesem Sinne ist "zeitlose" Literatur etwas, für das wohl in unserer Zeit, vielen die Zeit fehlt! Man könnte es altmodisch auch "Muße" nennen..


      Ich glaube, dass "zeitlose" auch als klassik genennt. Aber heute erscheine seltsam diese "zeitlose" Literatur.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von „Matthias“ ()